Nachsommer

Nachsommer



Titel: Nachsommer
Autor: Telscher, Klaus
Datum: 1987
Gattung: Experimentalfilm
Abstract: „… Als sie draußen auf die Düne hinaustrat, wehte ein lebhafter, kühler Seewind ihr entgegen. Über einen blassblauen Himmel zogen eilige hellgraue Wölkchen und auf dem Meere hoben sich die Wellen ohne Schaum, groß und graugrün, ein mächtiges, stilles Atmen, erst näher dem Strande wurden sie lebhafter und ließen die weißen Schaumtücher flattern. Dieses Atmen des Meeres erinnerte Doralice an etwas, was war es? Ach ja, an Hans, an seine Brust, die sich dort in dem Zimmer eben ruhig und kraftvoll hob und senkte. Sie begann am Strande entlangzugehen, der Wind fuhr ihr in die Röcke, er trieb sie, sie spürte es deutlich, wie er zu kleinen Stößen ausholte, bald von hinten, bald von der Seile sie anfiel und das war ein köstlich erfrischendes Spiel, so muß es den Wellen zumute sein, sie wiegte sich im Gehen: es war ihr, als wogte sie, jetzt fuhr ihr ein stärkerer Windstoß in die Haare, schüttelte sie. Doralice machte einen Satz, stieß einen lustigen kleinen Schrei aus. Jetzt brande ich, jetzt brande ich, dachte sie. Über ihr antwortete ein schriller Ruf, eine große weiße Möwe hing über dem Wasser, sie schlug mit den Flügeln, warf sich wie von plötzlicher Lust berauscht auf das Wasser nieder und schwamm dort, ein kleiner weißer Punkt auf dieser wogenden grüngrauen Seide ... (Aus Eduard von Keyserling: "Wellen") Zauberhaft von Torsten Alisch - Wie nötig sowas ist: Dass jemand sich für 35 Minuten den norminierten Fernsehnormen entzieht und dem Zuschauer entweder die Augen öffnet oder ihn irritiert zurücklässt. Auf- und Abblenden: Strandleben in Südfrankreich und ein Tag im Sonnenstuhl. Klaus Telscher lässt Illusionen entstehen und macht sich zugleich an die Zerstörung dieser Illusion. Der Braunton des Filmmaterials hat etwas Nostalgisches, die Schönheit des Vergangenen dringt durch die Filmbilder. Judy Garland singt "Lover come back to me" and "Somewhere over the Rainbow". Nachsommer zwingt einem keine Gefühle auf, sondern löst sie aus. Wie Musik erklingen diese Bilder in den Augen und die Ohren wundern sich, wenn beim Dialog der Ton fehlt. Telscher zeigt Film als Film, als Material für Illusionen. Er zeigt, wie etwas funktioniert. Wie Filme funktionieren. Nicht indem er (belehrend) erklärt, sondern indem er zeigt, indem er spielt - mit Bildern und Tönen. Nachsommer verweigert sich direkter Anteilnahme, er schafft Distanz. Neugierige Voyeure werden enttäuscht: Ausschnitte aus einem Porno durchsetzen sich in den Momenten der Ekstase mit Brandflecken. Im Moment des Verbrennens wird das Filmbild als Bild sichtbar. "Da vergeht einem Hören und Sehen", wird der Volksmund zu diesem kleinen Fernsehspiel wieder gesagt haben. Aber darum geht es ja: Dass wir unsere Sinne wiedererlangen, dass wir mehr sehen, mehr hören, mehr fühlen. Innovative Bildsprache. nicht als geniale Ausdrucksform, die man bewundern muss, sondern die einen allein lässt mit seinen Assoziationen, die einen anregt, nicht gefangen nimmt - aber wir lieben es ja, uns gefangen nehmen zu lassen, von großartigen Effekten, tollen Schauspielern und tiefen Gefühlen. Nachsommer war wie Musik, die ein Gefühl erklingen lässt, die man weitersummt, wenn sie zu Ende ist. Ein beschwingtes Gefühl von Heiterkeit und Optimismus. Solche Filme gibt es viel zu selten.
Extent: 00:30:00
URI: http://hdl.handle.net/10858/15566

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